Die Sonne geht auf
 

Die Reiki Legende

 

Um die Mittagszeit eines Tages im Frühling stand auf dem Marktplatz eines kleinen japanischen Dorfes ein kräftiger Mann.  Er trug eine schlichte dunkle Kutte. In seiner rechten Hand hielt er eine brennende Fackel über den Kopf. Die Dorfbewohner wunderten sich über den Fremden. Am helllichten Tag eine Fackel? Einige fassten Mut und fragten ihn, was das mit der Fackel auf sich habe. Er antwortete, dass er das Licht bringe und heute Abend im Gasthaus darüber sprechen wolle. Jeder wäre willkommen.

Usui bringt das Licht   

Am Abend fanden sich tatsächlich einige Interessierte ein und der Fremde erzählte ohne Scheu seine Geschichte:

"Ich bin Mikao Usui und war viele Jahre Leiter einer christlichen Schule für angehende Diakone. Nach ihrer Ausbildung sollten sie eine Gemeinde übernehmen.
Häufig unterrichtete ich selbst. Ein guter Student fragte mich, ob ich an das glauben würde, was ich lehrte. Hauptsächlich wollte er wissen, ob ich an die Wunder Jesu glaubte und zählte sie auf. Dass Jesus auf dem Wasser gehen konnte! Dass Jesus den Sturm zur Ruhe bringen und das Meer glätten konnte. Ich glaubte an die Worte der Bibel und bejahte seine Fragen. Er fragte weiter: Ob ich glaubte, dass Jesus durch Handauflegen geheilt hätte. Ich sagte: Ja!
Kannst du es mir zeigen, bat er mich. Betroffen schaute ich ihn an. Ich konnte seine Bitte nicht erfüllen. Seine Worte wirkten in mir. Er hatte recht. Ich sprach über etwas, von dem ich nicht genug wusste. Noch weniger wusste ich, wie ich es praktizieren könnte. Ich beschloss, die Antworten zu suchen und falls möglich, auf Jesu Art heilen zu lernen.
Am anderen Tag legte ich mein Amt nieder, mein Stellvertreter übernahm meine Aufgaben und ich machte mich auf den Weg zu meinen Lehrern, die mich vor langer Zeit unterrichtet hatten.“ 

Ein Gemurmel erhob sich. Seine Zuhörer waren erstaunt. Worte der Bewunderung.

„Es waren amerikanische Missionare gewesen, die in Chikago lebten. Ich schiffte mich in ein und erreichte nach Wochen Chicago. Nach einigen Tagen hatte ich meine Lehrer ausfindig gemacht und fragte sie, ob sie mir weiterhelfen könnten. Sie meinten, sie hätten es genau so von ihren Lehrern gehört und sich nie darum Gedanken gemacht. Ihnen hätte es ausgereicht, dass Jesus Christus heilen konnte. Als Sohn Gottes könne man das eben.

Ich war enttäuscht. Ich hatte diese lange Reise gemacht und meine Lehrer konnten weder durch Handauflegen heilen noch kannten sie jemanden, der es zu ihrer Zeit konnte. Den einzigen Rat, den sie mir geben konnten, war in den Schriften zu forschen. Sie hatten viele Bücher, in die ich mich vertiefte.
Ich lernte griechisch und hebräisch, um die Bibel, das heilige Buch der Christen, in ihrer ursprünglichen Sprache zu lesen. Ich las alles, was es an Büchern zum Thema Jesus gab, und sprach mit allen, die mehr wussten als ich. Es half nicht weiter. Nirgendwo gab es Anleitungen zum Handauflegen.
Usui lernt

Nach sieben Jahren reiste ich zurück nach Japan. In Vorlesungen über vergleichende Religionswissenschaften hatte ich erfahren, dass Buddha durch Handauflegen auch heilen konnte. So ging ich von Kloster zu Kloster und fragte nach Erkenntnissen darüber. Niemand wusste etwas. Meistens hörte ich von den Mönchen: Uns reicht die Lehre Buddhas, nach der wir unser Leben ausrichten, was sollen wir nach Dingen suchen, die kaum jemand erreicht hat.

Doch ich ließ nicht locker.

Eines Tages hatte ich Glück. Ich wurde zu einem Abt geführt, der sich für meine Fragen interessierte. Er erzählte mir, dass er in seiner Jugend auch diese Fragen gehabt hätte, doch nicht den rechten Ehrgeiz gehabt hätte, um sich ganz darauf zu konzentrieren. Er wäre bereit mich zu unterstützen. Durch seinen Rat, aber auch durch Bücher zu diesem Thema, die er die Jahre hindurch gesammelt hätte. Dankbar nahm ich sein Angebot an.

Die nächsten sieben Jahre lebte ich in diesem Kloster, las die gesammelten Schriften, lernte chinesisch und Sanskrit, um die ursprünglichen Texte zu verstehen. Einige Male reiste ich nach China und Tibet, um mit Mönchen zu sprechen, die die Texte erklären konnten. Denn manche bekannte Stelle in den heiligen Schriften hat einen tiefergründigen Sinn, der entschlüsselt werden muss.

Plötzlich fand ich die Stelle, nach der ich so lange gesucht hatte. Ich fand Symbole und Mantren, mit denen die Energie herbeigerufen werden konnte. Ich fand Erklärungen, wie das Heilen durch Handauflegen gelernt werden konnte. Monatelang übte ich, doch ich hatte keinen Erfolg. Ich ging zu dem Abt, der mittlerweile ein guter Freund geworden war. Enttäuscht sagte ich, dass ich jetzt alles gefunden hatte, wonach ich gesucht hatte, aber meine Hände konnten nicht heilen. Er meinte, ich solle es so machen wie Jesus oder Buddha. Beide hatten ihre Heilkräfte erhalten, nachdem sie lange gefastet und meditiert hatten.

Ich nahm seinen Rat an und entschloss mich, drei Wochen lang zu fasten und zu meditieren. Auf dem Heiligen Berg suchte ich mir einen ruhigen Platz in der Nähe einer Quelle. Innerlich wiederholte ich die Mantren und konzentrierte mich auf die Symbole, die ich in den Heiligen Schriften gefunden hatte. Neben meinen Meditationsplatz legte ich einundzwanzig kleine Steine. Bei jedem Sonnenaufgang legte ich einen beiseite. Ich wollte lieber sterben als aufgeben.

 Mikao Usui erleuchtet    

 Die Tage vergingen. Manchmal fühlte ich mich schwach und wollte aufgeben, manchmal stark und voller Energie. Doch die Sicherheit, dass ich durch Handauflegen heilen konnte, bekam ich nicht. Ich trank das erfrischende Wasser aus der Quelle. Es schmeckte von Tag zu Tag besser. Der Hunger auf Essen nahm ab. Nachts schlief ich unter einem Felsdach, wenn ich nicht meditierte.

Plötzlich war die letzte Nacht angebrochen. Der Himmel war voller Wolken. Kein Stern, kein Licht. Verzweiflung kam, nahm mir den Atem, die Zuversicht. Alles war umsonst gewesen. Dunkelheit. Gegen Morgen verstärkte sich alles Negative.
Da erschien im Osten ein Licht, Zuerst glaubte ich, es wäre die aufgehende Sonne, doch dieses Licht kam rasend schnell näher. Aus Angst wollte ich aufspringen und davonlaufen. Etwas ließ mich warten und ausharren. Das Licht traf mich mitten in der Stirn, in meinem Dritten Auge und erfüllte mich. Ich sah riesige Blasen, in denen die Symbole erschienen, die ich zur Konzentration visualisiert hatte. Ich hörte eine Stimme, die mich unterrichtete; in der Kunst durch Handauflegen zu heilen. Am Ende einer jeden Lektion sagte sie: So ist es!
Meine Vision dauerte mehrere Stunden, denn als ich aus ihr erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Ich fühlte mich voll von Energie, kraftvoll und glücklich. Ich hatte es geschafft. In meinen Händen fühlte ich unglaubliche Wärme und ein starkes Pulsieren. Ich glaubte, die Energie in meinen Händen zu spüren, mit der ich Kranke heilen konnte.

Schnell lief ich den Berg hinunter. Übermütig ließ ich meiner Freude freien Lauf. Ich achtete kaum auf den unebenen Weg. Plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz an meinem rechten Fuß. Ich stoppte abrupt und legte meine Hände auf den dicken Zeh, den ich mir an einem spitzen Stein gestoßen hatten. Er hatte sofort angefangen zu bluten. Als meine Hände den Zeh hielten, wurde der Schmerz erst einmal stärker. Doch nach kurzer Zeit tat der Fuß mir nicht mehr weh und es hörte auf zu bluten.

Das erste Wunder: Mein Zeh wurde geheilt. Bei akuten Verletzungen werden Blutungen rasch nach kurzer Zeit gestillt und die Schmerzen lassen innerhalb kürzester Zeit nach.

Ich ging weiter den Berg hinunter. Mein Magen meldete sich. Drei Wochen lang hatte ich nichts gegessen. Ich hatte einen riesigen Hunger. Also setzte ich mich in ein Gasthaus und bestellte mir etwas zu essen Der Gastwirt sah mich und erkannte, dass ich gefastet hatte. Er weigerte sich mir die gewünschten Speisen zu bringen. Er meinte, mein Magen und Darm würden das nicht vertragen. Ich bestand darauf, das zu bekommen, was ich wollte. Irgendwann gab er auf und ließ mir mein Essen bringen. Ich langte herzhaft zu, Reis und Gemüse; wie lecker. Natürlich aß ich viel zu viel, doch ich fühlte mich wunderbar gestärkt.

Das zweite Wunder: Nach dem Fasten kann man alles essen; es gibt keinerlei Nebenwirkung, weder Magenkrämpfe noch Durchfall. Alle, die Reiki praktizieren und fasten, können das bestätigen.

Das Essen hatte mir die Nichte des Wirtes aufgetragen. Gleich als sie mir  Wasser brachte, war mir aufgefallen, dass ihre rechte Wange stark geschwollen war. Zudem hielt sie sich mit dem Reden zurück. Über einen  knappen Gruß waren wir nicht hinausgekommen, doch ich hatte mir vorgenommen, sie auf ihre Schwellung anzusprechen. Als sie das Geschirr und die Essensreste abräumte, fragte ich sie, was mit ihrer Wange sei. Mit schmerzverzerrtem Gewicht  erzählte sie mir, dass sie seit vierzehn Tagen Zahnschmerzen habe. Ein Zahn sei vereitert und die Schmerzen  wären immer schlimmer geworden. Ich erzählte ihr kurz, was ich erlebt hatte und bot ihr an, meine Hände auf die schmerzende Wange zu legen. Vielleicht würde sie geheilt werden. Sie willigte ein und setzte sich. Ich stellte mich hinter sie, legte eine Hand auf ihre Wange und die andere auf ihren Kopf. Die göttliche Energie strömte durch meine Hände hindurch in ihren kranken Zahn. Ich spürte ihren Schmerz in meinen Händen. Er zog bis in meinen Unterarm hinauf. Ich schüttelte meine Hand aus und legte sie wieder auf die Wange. Nach einiger Zeit  ging die Schwellung zurück. Ungläubig bewegte sie ihren Kiefer. Die Entzündung war zurück gegangen und die Schmerzen wie weggeblasen. Voller Freude bedankte sie sich bei mir. Ich entgegnete:“ Das war nicht ich, ich bin nur Kanal für die Energie.“

Das war das dritte Wunder Entzündungen können geheilt werden und Schmerzen gelindert.

Mikao Usui behandelt seinen Freund, den Abt Frohgemut ging ich weiter in Richtung Kloster. Bald erreichte ich es und wollte dem Abt, meinem Freund, von meinem Abenteuer berichten. Doch ich fand ihn nicht an seinem gewohnten Platz. Ich fragte einen Mönch, der mir erwiderte, er läge in der Krankenstation. Ein Arthritisanfall  habe ihn niedergeworfen. Ich eilte sofort an sein Bett. Als er mich sah, hellte sich sein Gesicht auf. Er freute  sich: „Wie war es?“ fragte er mich. Ich erzählte ihm alles, was ich erlebt hatte. Währenddessen legte ich ihm  meine Hände  auf . Bald entspannte sich sein  schmerzender Körper. Zwischendurch unterbrach er mich. „Es wirkt!“ 

Das war das vierte Wunder Chronische Erkrankungen können geheilt werden und Schmerzen gelindert.

Nachdem ich meine Geschichte beendet hatte, überlegten wir gemeinsam, was ich nun mit dieser Gabe  anfangen sollte. Klar war, dass ich sie zum  Wohle Bedürftiger einsetzen wollte.

Mein Freund der Abt machte mir den Vorschlag, ein am Stadtrand gelegenes Viertel, in dem Bettler lebten, zu gehen, um die Kranken zu versorgen und zu heilen.. Bei einer Besichtigung  wurde mir deutlich, wie dringend notwendig meine Hilfe war. Viele Menschen lebten am Rande des Existenzminimums und vegetierten nur so dahin. Hilflos, hungernd und krank bettelten sie um Almosen. Ich überdachte seinen Vorschlag einige Tage. Dann entschied ich mich dafür, einige Zeit unter ihnen zu leben, um ihre Not zu lindern.

Als die Zeit gekommen  war, lief ich in der Frühe vor die Stadt geradewegs auf das Viertel zu. Schon unterwegs begegnete ich einigen auf dem Weg zu ihrer Beschäftigung. Ich dachte bei mir, bald wirst du unter ihnen leben. Tiefes Mitgefühl durchströmte mich. Ich freute mich auf die kommende Zeit.

Eine Bretterwand umgab dieses Viertel. Vor dem Eingang standen einige Bettler, die mich anhielten und fragten, was ich wolle. Ich antwortete, dass ich mit ihnen leben und mich um die Kranken und Bedürftigen kümmern wollte. Das könnten sie nicht entscheiden, meinten sie und holten ihren König. Der König der Bettler trug keine Krone aus Gold, auch sonst war er durch nichts von den anderen zu unterscheiden, doch seine Ausstrahlung und die Achtung, die ihm von den anderen entgegen gebracht wurde, bewies, dass er ein König war. Er ließ sich von mir genau erklären, was meine Absicht war. Dann traf er seine Entscheidung. Wenn ich mein Mönchsgewand ablegen und gleichfalls Lumpen tragen würde, wenn ich meinen Geldgürtel abgeben und in einer Hütte von ihren Almosen leben würde, dürfte ich bleiben und als Reikiheiler arbeiten.

Ich hatte meine Entscheidung schon zuvor getroffen, so dass ich meine Kleidung und mein Geld ablegte. Mein Besitz wurde unter den Bettlern verteilt. Ich bezog meine Hütte und richtete mich ein. 

Bald kamen die ersten Kranken. Ich legte meine Hände auf und durch Reiki wurden sie geheilt. Diejenigen, die gesund genug waren, um wieder zu arbeiten, schickte ich zum Kloster. Dort bekamen sie neue Kleidung und nach ihren Fähigkeiten Arbeit. In den folgenden Jahren lernte ich viel über die verschiedenen Krankheiten. Meine Hände lehrten mich zu diagnostizieren. Ich konnte die unterschiedlichen Stadien und Schweregrade unterscheiden. Manchmal spürte ich schon, bevor jemand zu mir kam,  sein Leid und konnte mich vorbereiten.
Irgendwann bemerkte ich, dass einige von denen, die ich zum Kloster geschickt hatte, wieder da waren. Ich sprach einen darauf an. Er antwortete mir, dass ihm das Leben außerhalb dieses Viertels zu schwer gefallen sei. Jeden Tag zur Arbeit zu gehen und auf diese Art und Weise für sich zu sorgen, gefiel ihm nicht. In dem Viertel fühle er sich wohl.

Ich erkannte, dass ich zu viel erwartet hatte. Meine Absicht, die Bettler zu heilen, nicht nur körperlich sondern auch seelisch, dass sie wieder vollwertige Mitglieder der Gesellschaft würden, hatte sich nicht erfüllt. Einige Zeit meditierte ich darüber, was ich zu ändern hätte.
  Usui verlässt das Bettlerviertel

Dann kamen die richtigen Ideen und ich stellte Regeln auf für ein erfülltes Leben, die sich  in meinem Leben als gut erwiesen hatten:

Gerade für den heutigen Tag

sorge dich nicht,

ärgere dich nicht

sei dankbar,

arbeite hart,

sei freundlich.

Zusätzlich zu den körperlichen Heilungen verwendete ich nun Zeit darauf, meine Lebensprinzipien weiterzugeben. Ich sah, dass ich Erfolg hatte.

Das, was ich in diesem Viertel zu lernen hatte, hatte ich mir angeeignet. Nach sieben Jahren war die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen. Ich blickte zurück zu meinen Anfängen und schaute mir meine Entwicklungsstufen an. Stolz auf das, was ich erreicht hatte und wehmütig, das aufzugeben und zu verlassen, begab ich mich wieder auf die Wanderschaft. Bald stellte ich mich auf den Marktplatz eines Dorfes und entzündete eine Fackel..........