Die Sonne geht auf




Das Klatschen einer Hand


Es ist einige Jahre her und ich war auf der Suche nach mir selbst. Ziellos fuhr ich mit meinem Auto Richtung Norden. Als sich die Küste näherte, berührte mich die Hand Gottes und ich konnte nicht aufhören zu weinen. Vor den Augen Tränenschleier stellte ich Fragen über Fragen nach dem Sinn des Daseins, nach meinem Weg, meiner Aufgabe. 

Alle Fragen wurden beantwortet. Bedauerlicherweise habe ich die genaue Fragestellung und die göttlichen Antworten vergessen.
 
Direkt an der Küste in einem kleinen Dorf namens Gründeich machte ich Rast und bekam in einer bescheidenen Pension ein Bett für die Nacht. 

Die Wirtin fragte mich vor dem Schlafengehen, ob ich Interesse daran hätte, am Morgen an einer Meditation teilzunehmen. Zufälligerweise wäre ein tibetischer Lama im Hause, der Anleitungen geben könnte. Sie zeigte mir den im Dach  gelegenen Meditationsraum. Die Fenster im Giebel tauchten den Raum in ein angenehmes Licht und ich sagte zu, obwohl ich keine Ahnung von Meditation hatte. 

Ich ließ mich morgens rechtzeitig wecken und setzte mich frisch geduscht mit dem Rücken zum Giebel auf eines von zwei Meditationskissen, die vor Kopf  vor einigen anderen lagen. Die anderen Teilnehmer setzten sich vor mich. Ich war gespannt auf den Lama und nahm mir vor, ihn auf die Probe zu stellen.

Als er den Raum betrat, schaute ich ihn mir genau an. Die anderen waren schon in Meditation versunken. Er war in meinem Alter, trug eine purpurne Mönchskutte und Sandalen. Sein Kopf war kahl rasiert. Die Wirtin hatte ihm gesagt, dass ich ein Neuling wäre und angeleitet werden müsste. Er setzte sich neben mich und lächelte mich an. Ich solle mich auf die Stirnmitte konzentrieren, den Rücken gerade halten und bewegungslos sitzen. 

„So ein junger Spund“, dachte ich, „Dir werd` ich`s zeigen!“ Stillsitzen habe ich in der Schule gelernt, den Rücken gerade halten konnte ich schon immer und das bisschen aufs dritte Auge konzentrieren wird nicht schwer sein.

 Nach kurzer Zeit wurde mir langweilig und ich erinnerte mich an meine Absicht, die Qualität des Lamas zu testen. In meiner Vorstellung ließ ich mir einen dritten Arm und eine Hand wachsen und lutschte den Zeigefinger an. Langsam bewegte ich meine virtuelle Hand Richtung Rinpoche. Den feuchten Finger steckte ich ihm ins Ohr.

Plötzlich wehte mein Gesicht etwas an und ich spürte eine furchtbare Ohrfeige auf meiner linken Wange. Das Klatschen machte mich ganz taub. Panisch riss ich die Augen auf. Alle saßen auf ihren Plätzen. Auch der Lama. Vielleicht grinste er.

Ich hab ihn nie gefragt. Irgendwie war ja auch alles klar. Er hatte den Test bestanden.  Ich war noch öfter in  Gründeich. Meistens machte ich die Morgensternmeditation. Bei dieser Meditation hatte ich vier Arme und vier Hände und in jeder Hand hielt ich an kurzer Kette einen Morgenstern, den ich mit rasender Geschwindigkeit vorne und hinten, oben und untern wirbelte. 

Im Nachhinein glaube ich, dass mein Lama Gott so nahe war, dass ich auf dem Weg zur Küste in seinen Fluss geriet. Mein Fluss war eher ein kleines Rinnsal. Kein Wunder, dass ich überschwemmte. 

Einige Jahre später beschäftigte ich mich mit Zen und konnte mich darüber amüsieren, dass ich gleich bei der ersten Meditation das Klatschen einer Hand gehört hatte.